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«Wenn es Tinder und Co. nicht gäbe, würden die Schweizer aussterben»

Kathrin Grüneis verkuppelt in Zürich Singles – seit Ende des Lockdowns hat sie mehr Anfangen als je zuvor

Colette* liegt wach in dieser Nacht Anfang Jahr. Die 54-Jährige denkt über die Liebe nach: Sie ist geschieden, sucht über eine Online-Singlebörse nach einem Partner. Doch die Dates sind ernüchternd. Sie fragt sich, wie das früher funktioniert hat — mit der Liebe und mit dem Kennenlernen. Über ein Partnervermittlungsbüro? Colette googelt und findet Kathrin Grüneis.
Grüneis ist Partnervermittlerin in Zürich. Seit neun Jahren verkuppelt sie Singles. 700 bis 800 Personen hat sie in der Kartei, jede kennt sie persönlich. Die meisten sind zwischen 35 und 65 Jahre alt, gebildet und auf der Suche nach einer ernsten Beziehung. Laut dem Bundesamt für Statistik sind 24 Prozent der Schweizer Single. In der Stadt Zürich soll der Anteil noch höher liegen, genaue Zahlen fehlen jedoch. Klar ist einzig: 45 Prozent der Stadtzürcherinnen und -zürcher wohnen allein. Grüneis sagt: «Wenn es Tinder und Co. nicht gäbe, würden die Schweizer aussterben.» Viele seien schüchtern, trauten sich nicht, jemanden anzusprechen. Die Partnervermittlerin sagt: «Zürich ist die einzige Stadt, in der man allein weggehen kann und allein wieder heimkommt — ohne mit jemandem gesprochen zu haben.»

«Fotos sind häufig unfair»

Grüneis ist in Bayern aufgewachsen. Mit 29 Jahren zog sie der Liebe wegen in die Schweiz, in ein Dorf im Kanton Obwalden. Sie setzte sich in eine Bar im Dorf, um Leute kennenzulernen. Ein Mann fragte sie, ob sie in der Pflege arbeite oder im Service — so wie die anderen Deutschen in Obwalden. Sie verneinte, der Mann drehte sich weg. Das Gespräch war beendet. Es war ein Schlüsselmoment für Grüneis. Zu Hause sagte sie zu ihrem Partner: «Ihr Schweizer sprecht nicht miteinander. Ihr braucht Hilfe.» 15 Jahre später eröffnete sie ihre Partnervermittlung.
Am Freitag, dem 13. März, empfängt Grüneis Colette in ihrem Büro unweit vom Hauptbahnhof. Die Partnervermittlerin stellt Fragen, macht sich Notizen. Was mag Colette? Was arbeitet Colette? Wie soll ihr Partner sein? Drei Tage später wird der Bundesrat den Lockdown verkünden und beide Frauen vor Herausforderungen stellen. Während des Lockdowns blieben die Kunden dem Partnervermittlungsbüro fern. Aber viele riefen an, erzählten von der Einsamkeit. Grüneis hat zwei Mobiltelefone: ein privates und eines fürs Geschäft, das sie abstellt, wenn sie Feierabend hat. «Sonst rufen Kunden nachts um halb drei an und klagen über Liebeskummer», sagt sie. Kurz nach dem ersten Gespräch findet Grüneis einen Mann, der zu Colette passen könnte. Sie ruft sie an, erzählt ihr von den Hobbys und Idealen des Mannes und verrät ihr den Vornamen – mehr nicht. Kein Foto. Kein Familienname. Colette soll den Mann weder sehen noch googeln vor dem ersten Treffen. «Fotos sind häufig unfair und sagen wenig über den Charakter aus», sagt die Partnervermittlerin. Colette ist eine attraktive Frau. Sie schätzt es trotzdem, dass die Männer vor dem ersten Date kein Bild von ihr sehen. Bei der Online-Singlebörse hat sie die Erfahrung gemacht, dass Äusserlichkeiten zu sehr im Vordergrund standen.
Der von Grüneis auserwählte Mann für Colette sagt das Date kurzfristig ab — wegen einer anderen Frau, die ihm noch immer im Kopf herumschwirrt. Colette ist enttäuscht, Grüneis genervt. Der Mann hatte ihr verschwiegen, dass er noch an einer Frau hängt. Sie sagt: «Wenn ich merke, dass jemand noch nicht frei ist für die Liebe, dann lehne ich ihn als Kunden ab.» Sie hat ihre Agentur deshalb «freie Herzen» getauft.
Wenige Wochen später schlägt Grüneis ihrer Kundin einen anderen Mann vor. Colette und ihr Date machen einen Spaziergang, trinken am Bahnhof ein Bier, die Restaurants sind wegen des Lockdowns geschlossen. Colette spürt, es passt nicht. Die Partnervermittlerin muss weitersuchen.

«Ich kann nicht hexen»

Nach jedem Date verlangt Grüneis einen Report der Kunden. «So kann mir niemand etwas vormachen.» Personen, bei denen sie von Anfang an das Gefühl hat, sie seien schwer zu vermitteln, lehnt sie ab — etwa Personen mit einem Beistand oder offensichtlichen Problemen. «Ich kann nicht hexen», sagt sie. Seit Ende des Lockdowns hat sie mehr Anfragen als je zuvor. «Ich wurde überrannt. Viele Singles haben wohl Angst vor einem zweiten Lockdown. Den wollen sie nicht nochmals allein verbringen.» Jemanden im Ausgang kennenzulernen, ist für viele zurzeit keine Option. Sie suchen einen Partner über Dating-Apps oder melden sich bei Partnervermittlern.
Die Vermittlung durch Grüneis kostet deutlich mehr als ein Abo bei einer Online-Singlebörse wie Parship, mehr als die Gratis-App Tinder ohnehin. Für Colette stimmt das Preis-Leistungs- Verhältnis. Sie ist froh, dass die Partnervermittlerin ihr die Arbeit abnimmt, «aussiebt», wie sie sagt. Die 54-Jährige hat keine Lust, sich durch unzählige Profile zu klicken. Wie viel die Kunden fürs «Aussieben» bezahlen, verrät Grüneis der NZZ, sie möchte aber nicht, dass die Zahl in diesem Text steht. Früher hatte sie den Preis auf der Homepage aufgeschaltet, doch Kunden baten sie, die Angabe wegzunehmen. «Es ist ihnen peinlich, wenn andere wissen, wie viel sie bezahlen.» Der Gang zur Partnervermittlerin sei für viele schambehaftet, sagt Grüneis. Ihr Büro hat sie deshalb in einem unscheinbaren Geschäftshaus untergebracht, zwischen Jobvermittlungsbüros und Pensionskasse. Sie sagt: «Es gibt sogar Paare, bei denen war ich auf der Hochzeit, aber niemand durfte wissen, dass sie sich über mich kennengelernt haben.»
Grüneis versteht das nicht, sie selbst hat vor vielen Jahren den Vater ihrer Tochter über eine Partnervermittlung kennengelernt. Es ist eine Erfahrung, die sie nicht missen möchte, auch wenn sie inzwischen getrennt lebt von dem Mann. Auch Colette sagt, sie schäme sich nicht: Im Text möchte sie trotzdem nicht mit ihrem richtigen Namen vorkommen. Sie befürchtet, es könnte den Männern unangenehm sein, die sie getroffen hat.
Kunden gelangen über Inserate und Empfehlungen zu Grüneis. «Frauen kommen von selbst, Männer werden meistens geschickt – von den Kindern, von Freunden, manchmal auch von der Ex-Frau.» Die Partnervermittlerin spricht potenzielle Kunden auch direkt an. So hat sie ihren jetzigen Ehemann kennengelernt, den SRF-Wetterexperten Thomas Bucheli. Ein Bekannter erzählte Grüneis auf einer Party, Bucheli sei frisch geschieden oder getrennt. Als Kunden konnte sie ihn nicht gewinnen, aber für sich selbst.

«Mr. Perfect gibt es nicht»

Grüneis‘ Büro ist simpel eingerichtet: zwei Sessel, ein Pult, eine Palme. Nur Details deuten darauf hin, dass sich hier alles um die Liebe dreht. Neben einer herzförmigen Schale steht ein Bild von Brigitte Bardot und Gunther Sachs. Sie waren das Glamour-Paar der sechziger Jahre: 1966 liess Gunter Sachs 1000 Rosen aus einem Helikopter auf Bardots Villa regnen. Die beiden heirateten in Las Vegas, drei Jahren später liessen sie sich scheiden. «Das Traumpaar schlechthin», sagt Grüneis, obwohl die Beziehung der beiden zerbrochen ist. Sie glaubt nicht an die eine grosse Liebe, sondern an Lebensabschnittspartner. «Mr.Perfect gibt es nicht, aber Mr. Right.» Das versucht sie auch den Kunden zu vermitteln.
Etwa alle vier bis sechs Wochen verliebt sich ein Pärchen, das sich über Grüneis kennengelernt hat. Seit Ausbruch des Coronavirus sind es mehr. Manchmal schicken ehemalige Kunden Hochzeitsanzeigen oder Babyfotos. Und manchmal rufen sie an, weil sie wieder Single sind. Für Colette hat Grüneis inzwischen einen dritten potenziellen Partner gefunden. Beim ersten Date hat Colette mit dem Mann ein Museum besucht. Sie mag ihn.

Zeitungsausschnitt von freieherzen.ch in der NZZ vom September 2020